Die Elchniederung

Die Elchniederung mit dem Hochmoorkern des "Großen Moosbruchs" ist ein Teil des Memeldeltas. Die Gilge bildet den südlichen der beiden Hauptmündungsarme der Memel (russ. Neman, lit. Nemunas), auf litauischer Seite fließt der Russ-Strom (Rusne) in das Kurische Haff, sich auf dem Weg dorthin noch einmal in die Atmata und die Skirvyte teilend.

Die Niederung wird von einem Geflecht aus weit mehr als einem Dutzend Flüssen und Kanälen durchzogen. In ihren Namen klingt die altpreußisch-litauische Welt des Memellandes auf: Laukne, Timber, Wiepe, Schnecke, Inse, Tawe, Loye, Pait, Tawelle,Schlund, Karkel- und Nemonienstrom...

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 Anfang der 1990er Jahre, als viele Russlanddeutsche auf der Flucht vor nationalistischer Politik aus Kasachstan in das frühere Ostpreußen zogen, kam Elena Ehrlich nach Gilge und baute hier die verkommene Ruine des alten Hotel Adomeit zu einer kleinen Pension aus. Dort kann man gut rasten.

 

Historisch gesehen gehört Gilge zu den ältesten besiedelten Orten am Ostufer des Kurischen Haffs. Dass hier, an der Mündung des Gilgestroms, bereits die alten Pruzzen lebten, darauf deutet der Name hin: Er stammt vom pruzzischen gilis (auch gilus, gilin) ab und bedeutet sowiel wie "tiefe Stelle". Im litauischen Gilija klingt die sprachgeschichtliche Wurzel noch heute an. Apropos: Wohl in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts schlugen die ersten deutschen Siedler hier Wurzeln. Anno 1411 wird Gilge erstmals in einer Urkunde erwähnt, erhielt 1497 das Krugrecht und war seit 1684 eigenständiges Kirchspiel. Die erste Kirche (geweiht um 1707) ersetzte man 1851 durch einen neugotischen, turmlosen Backsteinbau.

 

Trotzdem war Gilge über Jahrhunderte beinahe nur auf dem Wassserweg erreichbar. Eine befestigte Straße in das Dorf gibt es erst seit 1929. Damals lebten in Gilge fast eintausend Menschen, der Ort hatte zehn Lebensmittelgeschäfte, zwei Mühlen und die größte Schilfwerberei in Ostpreußen.

 

Nach Matrosowo kommt man von Polessk aus: Eine schmale Asphaltstraße führt 25 km am malerischen Großen Friedrichsgraben entlang bis in das alte Niederungsdorf Nemonien, heute Golowkino. Dort ist eine Pontonbrücke zu überqueren, danach sind es nur noch drei Kilometer auf einer Birkenallee am Rand eines urwaldhaften Erlenbruchs entlang bis Gilge.

Kaukehmen (Jasnoje)

Jagdhaus Pait

Mitten in der unzugänglichen Erlenbruchwildnis an der Straße von Jasnoje (Kaukehmen/Kuckerneese) nach Pritschaly (Inse) scheint ein großer dreiflügeliger Backsteinbau alle Stürme der Zeiten wie durch ein Wunder überstanden zu haben. Es ist das alte Jagdhaus Pait. Seine ursprüngliche Bestimmung ist dem 1886 erstmals erwähnten Haus am Flüsschen Pait noch heute anzusehen: Es war unverkennbar eine ostpreußische Försterei, einst samt Waldarbeitersiedlung zuständig für die moorigen Haffwälder Ibenhorst und Tawellenbruch südlich des Memeldeltas.

 

Ab etwa 1880 stiegen hier immer öfter hochgestellte Jagdgäste ab, um Elche zu erlegen. Als 1904 auch Wilhelm II. das ostpreußische Elchrevier am Kurischen Haff entdeckte, fortan regelmäßig in Pait einkehrte und für sein majestätisches Komfortbedürfnis dort eigens zwei Wohnflügel anbauen ließ, kam das entlegene Forsthaus zu seinem legendären Ruf als Kaiserliches Jagdschloss, als das es bis heute in jagdhistorisch interessierten Waidmannskreisen in ganz Deutschland bekannt ist.

Auch Herrmann Göring nahm Pait ab 1933 für seine Elchjagden in Beschlag. Der selbsternannte „Reichsjägermeister“ ließ das Haus noch weiter ausbauen und den in den 1920er und frühen 1930er Jahren durch Wilderer dezimierten Bestand der urigen Sumpfhirsche aufstocken. In dieser Zeit wurzelt auch die Bezeichnung „Elchwald“ – für ein aus mehreren Forstamtsbereichen gebildetes, als Staatsjagdrevier ausgewiesenes Naturschutzgebiet.

 

Die sowjetische Zeit überstand das preußische Jagdhaus als Verwaltungsgebäude einer Pelztierfarm. Baulich verfiel es dabei immer mehr, Ende der 1990er Jahre, stand es leer und, einer Ruine gleich, vor dem endgültigen Zusammenbruch. Im Jahr 2000 gründete die Kaliningrader Handelsfirma „Ressourcen des Nordens“ eine Stiftung mit dem Ziel, das historische Jagdhaus wiederaufzubauen. Das gelang vor allem durch die Koordination des Berliner Naturschützers und Jägers Jürgen Leiste, der das Restaurierungsprojekt fachlich begleitete.

 

Heute bietet das Jagdhaus, unter dem etwas hochtrabenden Namen „Internationales Zentrum für Ökotourismus“ firmierend, Exkursionen und Bootsfahrten in die amphibische Wildnis der Elchwälder an. www.jagdhaus-pait.com

Lauknen (Gromowo)

Fast fünf Kilometer zieht sich die Dorfstraße, von einer Allee alter knorriger Moorbirken gesäumt, durch das lang gestreckte Gromowo hin – um vor einem hohen Bretterzaun zu enden. Dahinter verbirgt sich das Psychatrisch-Neurologische Zentrum, ein Heim, in dem seit den 1970er Jahren geistig behinderte Männer aus dem gesamten Gebiet unterbracht sind, in alter sozialistischer Manier fernab von der Öffentlichkeit.

 Viele Patienten spazieren tagsüber als Freigänger im Dorf umher. Auf Touristen wirkt das mitunter etwas irritierend, dabei sind die Behinderten eigentlich friedliche Gesellen.

 

Das nicht zugängliche Gelände der Psychiatrieanstalt nimmt den größten Teil des historischen Dorfkerns ein mit dem Marktplatz und dem ehemaligen Gemeindeamt. Längs der Dorfstraße ist so manches Haus aus der Vorkriegszeit verschwunden. Als Lauknen 1904 mit dem Ortsteil Schöndorf zusammengelegt wurde, bestand das Dorf aus rund 200 Gebäuden. Davon sind heute noch 70 übrig.

 

Trotzdem hat sich Gromowo viel vom Charakter des alten Moordorfs mit seinen typischen hölzernen Moosbruchhäusern bewahrt. Auch hier müsste viel saniert werden, das ist nicht zu übersehen. Der große Verfall setzte erst nach dem Ende der Sowjetunion ein, als das wirtschaftliche Chaos über das Gebiet Kaliningrad hereinbrach. So nach und nach kommt Gromowo wieder auf die Beine.

 

Etwa auf halber Strecke der Dorfstraße steht rechts die alte preußische Mooradministration. Der Berliner Naturschützer Jürgen Leiste und der deutsch-russische Verein „Anthropos e.V.“ haben 2001 eins der Backsteinhäuser gekauft saniert, das „Moosbruchhaus“ bietet ökologische Exkursionen und auch Übernachtungsgelegenheiten an. (www.jagdhaus-pait.com )

Auch den alten Laukner Friedhof richtete Anthropos wieder her, stellte erhalten geblieben Grabsteine aus deutscher Zeit wieder auf.

 

Unweit des Friedhofs erinnert ein Mahnmal an das KZ Hohenbruch, ein Arbeitslager, dass die Nazis hier während des 2. Weltkriegs einrichteten. Die Insassen mussten vornehmlich in der Moorentwässerung schuften. Vor allem die jüdischen Häftlinge wurden diskriminierend gequält, viele kamen dabei ums Leben.

 

Am Ende der Dorfstraße vor dem Behindertenheim steht, ebenfalls einem Mahnmal gleich,  der Turm der Dorfkirche. Es war nicht die erste: Ein Gotteshaus besaß Lauknen schon vor 1850. Die alte Holzkirche wurde 1905 durch einen neogotischen Bau, der den Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet überstand.

Später trugen die neuen russischen Bewohner das Kirchenschiff ab, aus dem Turm machte man einen Wasserturm. Gegenüber der Kirche gibt es einen kleinen Dorfladen (Magasin), vor dem Krieg war dies die Jugendherberge. Nebenan steht ein besonders gut erhaltenes Bauernhaus.

 

Vor dem Psychiatriezentrum verzweigt sich die Dorfstraße. Der Weg links führte früher (in südwestliche Richtung) in die nicht mehr existierende Moorkolonie Langendorf. Mit dem Auto kommt man nicht mehr weit, dieses Erlebnis muss man sich erwandern: Hier kommt man zu den berühmten Blänken – den zentralen Teil des Moosbruchs mit  seiner faszinierenden Hochmoor-Fauna.

 

Nach rechts abbiegend, führt der Weg zunächst ziemlich wild um das Psychiatriezentrum herum und dann wieder auf den alten Kopfsteinpflasterdamm, 1867 als erste befestigte Straße im Moosbruch überhaupt angelegt. Gleich am Dorfrand beginnt die Moorwildnis, der Weg endet nach etwa zwei Kilometern an der Laukne. Hier ist die Welt zuende: Die Brücke hinüber zur Moorkolonie Schenkendorf gibt es nicht mehr. Die Wehrmacht hatte sie 1945 gesprengt, sie wurde nie wieder aufgebaut. Stattdessen gab es zu sowjetischer Zeit eine Pontonbrücke, in den 1990er Jahren baute die Armee sie ab.

 

Auch der Weg von Lauknen zur Brücke führt auf dem letzten Kilometer durch eine ehemalige Moorkolonie: Hier stand einst Königgrätz. Ein paar Hausfundamente im Erlenbruch und ein aus Feldsteinen gebauter, überwucherter Eiskeller – mehr blieb nicht übrig von dem Kolonistendorf der so genannten Zeitpächter.

 

Von den Brückenfundamenten aus fliegt der Blick weit über das Niedermoor der Laukne. Es ist einer der eindrucksvollsten Orte im Moosbruch. Im Sommer avanciert der Ort zur Badestelle der Dorfkinder, die von den Brückenpfosten waghalsige Sprünge in das dunkelbraune Moorwasser des Flusses vorführen.

 

Die alte Schenkendorfer Brücke ist ein guter Startpunkt für Kanutrails. Mehr dazu unter Ausflüge+Touren.

 

Lauknen war in der Vorkriegszeit das größte Dorf des Moosbruchs und ein Zentralort für viele Moorkolonien in der Umgebung. Auf einer Sandlinse am Nordrand des Hochmoores gelegen, war es geschichtlich gesehen vermutlich sogar der erste besiedelte Ort in dieser amphibischen Urlandschaft überhaupt. Im 14. Jahrhundert taucht Lauknen im ältesten urkundlich belegten Nachweis einer Moosbruch-Siedlung auf: Im zweiten Teilungsvertrag zwischen dem Orden und dem Bischof von Samland wird ein Ort namens Linkonien erwähnt und Fischereiabgaben eingefordert.

Gastellwo (Groß Friedrichsdorf)

Forst Ibenhorst

Tarasowka (Sussemilken)

Slawsk (Heinrichswalde)

Inse (Pritschaly)

Das einstige Haff-Fischerdorf Inse, vor dem Krieg zuletzt von 550 Menschen bewohnt, ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Viele der historischen Fischerhäuser sind verschwunden oder stark verwahrlost, von den schweren hölzernen Kurenkähnen, die man von alten Schwarzweißfotos kennt und die auch das Bild von Inse prägten, blieb im heutigen Pritschaly keine Spur. Auch die alte Dorfschule existiert nicht mehr.

 

Die hölzerne achteckige Kirche direkt am Haff überdauerte den Krieg unbeschadet und stand danach noch eine Weile, 1964 riss man sie ab. Nach dem Vorbild der Kirche in Alt Lappienen war auch die 1700 geweihte Fischerkirche von Inse ein Werk des aus Holland stammenden Architekten und Ingenieurs Philipp von Chiéze – ein schmucker achteckiger Zentralbau mit Mitteldachreiter.

Erhalten blieb auf skurrile Weise der Taufstein der Kirche. Er stand nach dem Abriss der Kirche viele Jahre im Garten eines Gehöftes gleich am Ortsteingang, als Blumenvase dienend. Inzwischen haben die Leute ihn der Russisch-Orthodoxen Kirche übergeben.

Auf dem Friedhof von Inse standen noch in den 1930er Jahren einige hölzerne Grabstelen in typischen heidnischen Formen, wie sie heute nur noch (als Nachbildungen) auf dem alten Kirchhof von Nida (Nidden) zu sehen sind. Der Inser Fischerfriedhof wurde nach dem Krieg verwüstet, den Rest holte sich die Natur zurück. Erst Jürgen Leiste, Koordinator des Pait-Wiederaufbauprojekts, richtete den verwilderten Friedhof wieder her und stellte auch einige geborgene Grabsteine aus deutscher Zeit wieder auf.

 

Schon um die abgeschiedene, wildromantische Lage am Haff zu erleben, lohnt sich eine Fahrt nach Pritschaly. Europa scheint sehr fern an diesem Ort. Mit etwas Glück sieht man unterwegs in den wegelosen Moorwäldern links einen Elch oder einen der scheuen Schwarzstörche, die hier ebenfalls leben und nisten.

Man kann in Inse auch gut ein Kanu einsetzen und von hier aus echte Abenteuertrails im Geflecht der Moorflüsse unternehmen.

 

Zwischen dem Jagdhaus Pait und Pritschaly, kurz vor Erreichen des Dorfes, biegt die Asphaltstraße hart links ab. Nach rechts führt an dieser Stelle ein unbefestigter Weg in den Erlenwald hinein. Dort ging es einst nach Loye. Wer sich für die Geschichte der ostpreußisch-memelländischen Hafffischerdörfer interessiert oder einfach nur einmal einen Eindruck bekommen möchte, in welcher weltvergessenen Abgeschiedenheit die Menschen hier einst lebten, sollte sich hier in die Büsche schlagen: Der Weg ist zumindest im Sommer halbwegs befahrbar.

 

Nach etwa drei Kilometern öffnet sich der Tawellningker Wald zu einer großen Lichtung: Hier lag Loye, die wohl einsamste der Fischersiedlungen im südlichen Memeldelta. Nur alte Fotografien halten die Erinnerung an das malerische 220-Seelen-Dorf am Leben, denn Loye wirkt buchstäblich wie vom Elchmoor verschluckt.

Nein halt, ganz stimmt das nicht: Eine kleine verwitterte Betontreppe ragt aus dem Riedgras. Sie gehörte einst zur Dorfschule. Der Rest einer Brücke erinnert an die frühere Fährstelle, ab und an liegen ein paar Mauerreste herum, ansonsten: Natur. Natur von jener schwermütigen Intensität, wie sie ostpreußischen Moorlandschaften eigen ist und der Elchniederung im Besonderen.

 

Dass hier einmal ein Dorf war, scheint irgendwie – unwirklich. Die Wildnis hat sich die Kulturlandschaft am Haff mit Macht zurückgeholt. Ornithologen und Naturfreunde finden dafür ein Paradies. Schwarzstorch, Blaukehlchen, Schreiadler, Wiesenweihe, Beutelmeise, Regenbrachvogel: Vieles, was im Westen Europas auf den Roten Listen vom Aussterben bedrohter Arten steht, ist hier noch heimisch.

 

Gar nicht mehr auf dem Landweg erreichbar ist Tawe, ein vollständig ausgelöschtes Fischerdorf etwa 4 Kilometer südlich von Pritschaly am Haff. Nur noch mit dem Boot, noch besser mit einen stabilen Kanu sind hier die überwucherten Reste der einstigen Siedlung zu erkunden – eine verwunschene, amphibische Welt.

 

Karkeln (Mysowka)

Die Bezeichnung „Kurisches Venedig“ ist vielleicht etwas übertrieben, aber das Dorf Karkeln ganz im Norden der alten Elchniederung galt vor dem Krieg als eine der schönsten Ortschaften am Kurischen Haff. Als bedeutendster Fischereiort mit über 50 größeren und kleineren Betriebe sowie als regionaler Marktflecken brachte es das Kirchdorf zu einigem Wohlstand. In den 1920er Jahren begann auch der Fremdenverkehr den weltabgeschiedenen idyllischen Winkel im Memeldelta zu entdecken.

 

Fischerdorf ist das heutige Mysowka immer noch, malerisch erstrecken sich die Häuserreihen beidseits des Karkelstroms, durch eine Pontonbrücke miteinander verbunden. Vom Deich aus fliegt der Blick weit über das Haff, im breiten Schilfgürtel nisten Lachmöwen und Flussseeschwalben, und  in den moorigen Wiesen zwischen dem Dorf und dem südlich beginnenden urwaldartigen  Tawellingker Bruch hat man frühmorgens gute Chancen, einen Elch zu sehen.

 

Der historische Name des Dorf leitet sich vom pruzzischen karklis ab und soll soviel wie Weidendickicht bedeuten. Das ostpreußische Dorf verdankt seine Grpündung wohl dem Großen Kurfürsten, der Karkeln 1660 die Kruggerechtigkeit verlieh. Und wo erst einmal Bier gebraut und ausgeschenkt werden darf, finden sich auch bald ein paar Männer ein…

 

Spätestens seit dem 16. Jahrhundert war Karkeln Kirchort und erhielt 1772 eine stattliche Kirche, die 1899 erweitert wurde und das Kriegsende leidlich überstand, 1949 brach ein Brand aus, ihr Schicksal war besiegelt. Auch das Dorf selbst, 1945 durch Explosion von Minen schwer beschädigt, verfiel in der sowjetischen Zeit leider sehr. Aber inzwischen wird an vielen Häusern viel herumrenoviert, Mysowka steht wie andere landschaftlich schön gelegene Dörfer auch als Wochenend-Erholungsort der Städter vor einer kleinen Renaissance. Im Winter, wenn das Haff zugefroren ist, rückt hier vor allem an den Wochenenden eine wahre Völkerwanderung an: Kaliningrads Eisangler.

 

Weiteres zur Geschichte: www.ostpreussen.net/ostpreussen/orte.php?bericht=1219

 

Neukirch (Timirjasewo)

Timirjasewo ist heute nach dem berühmten russischen Agrarwissenschaftler und Botaniker Klement Timirjasew bekannt. Vor dem Krieg hieß es Neukirch, und die Ruine des 1729 von König Friedrich Wilhelm I. gestifteten Gotteshauses (anstelle eines seit 1635 bekannten Vorgängerbaus, daher Neue Kirche) steht unübersehbar mitten im Ort, der ansonsten nur noch ein verwahrloster Schatten des alten Niederungsdorfes ist. Das Kriegsende überstanden Dorf und Kirche völlig unversehrt, wie Fotos aus den 1950er Jahren zeigen. Die ausgeschlachtete Kirche wurde in ein Kolchoslager umfunktioniert, für die Traktoren brach man große Öffnungen in die Wände. Als in den Krisen der 1990er Jahre die Landwirtschaft zusammenbrach, war das Schicksal der einstigen Kirche besiegelt. Am 24. April 1995 brannte sie aus.

Vor dem Gotteshaus ragt wie ein Mahnmal das alte Friedhofsportal zwischen einer Reihe verwitterter Schuppen und Gestrüpp auf. Von den Häusern im früher zweitgrößten Ort des Kreises Elchniederung steht aus der Vorkriegszeit nur noch die Hälfte, der Rest verfällt. Die alte Molkerei und die Neukircher Maschinenfabrik sind noch erkennbar.

 

Über einer Tür ist noch der Name "Carl Rudlas" erkennbar, wahrscheinlich war dies mal ein Laden oder ein Krug, geblieben ist eine traurige Ruine. "Timir forever" hat jemand an die Hauswand geschrieben. Schön wärs ja. Aber nach forever sieht es hier leider nicht gerade aus...

 

Mehr zur Geschichte unter: http://www.elchnied.de/html/neukirch.html

Groß Kryszahnen (Sapowednoje)

Als Sitz eines zentralen Kolchos blieb dem großen Dorf an der Gilge östlich des Tawellenbruchs jene Auslöschung erspart, die in den 1950er Jahren Dutzende Ortschaften in der Umgebung nahezu spurlos verschwinden ließ. So sind im einstigen Seckenburg bzw. Groß Kryszahnen (so hieß das Dorf vor der "germanisierenden" Umbebennungsaktion 1938) immer noch viele Bauten aus der Vorkriegszeit erhalten und vermitteln, wenngleich oft nur noch als Ruinen, einen Eindruck vom historischen Ort, der es als Marktflecken der südlichen Niederung zu einigem Wohlstand brachte.

Auch die 1890-96 im Stil der Neogotik erbaute Kirche blieb quasi vollständig erhalten. Auf dem Turm, der im flachen Wiesenland der Niederung schon von weitem aus dem Dorfbild herausragt, steckt sogar noch das Kreuz und erinnert an die Zeit, als Groß Kryszahnen als eigenes Kirchspiel vom benachbarten Alt Lappienen abgezweigt wurde.

 

Mit der Dorfkirche war es zu Beginn der sowjetischen Zeitrechnung so wie bei vielen im ehemaligen Norden Ostpreußens: Fand sich eine Nutzung, war das die Rettung - zumindest des Gebäudes. In Sapowednoje überdauerte die Kirche als Getreidespeicher des Kolchos, aus dem inzwischen eine Agrargenossenschaft wurde. Der Platz, auf dem die Landtechnik des Betriebes steht, ist übrigens der frühere Markt von Seckenburg...

 

Neuerdings entdecken Stadtmenschen die Niederung, wie die mancherorts im Dorf entstehenden Wochenend- und Wohnhäuser zeigen: Sie gehören reichen Kaliningradern und Tilsitern. Die Anwesen verändern den Charakter des Dorfes nun nach dem Verfall in den Jahrzehnten zuvor noch weiter vom historischen Kryszahnen wird in weniger als einem Menschenalter vermutlich kaum noch etwas stehen...

 

Auch von Sapowednoje aus lohnen sich Wanderungen in die Landschaft der Niederung – z.B. an der Gilge entlang zur vier km östlich gelegenen ehemaligen Oberförsterei Tawellningken. Hier beginnt der Tawellenbruch, einer der legendären Elchwälder Ostpreußens.

Sapowednoje liegt landschaftshistorisch gesehen fast genau auf der Grenze von eingedeichter und tiefer Niederung. Wenige hundert Meter westlich des Dorfes, wo am gegenüberliegenden Ufer das Flüsschen Tawelle abzweigt, wird die Gilge zum Kanal - früher Seckenburger, heute Matrosowskij Kanal geheißen. Die 1836 eröffnete Wasserstraße verband die Memel über den bereits früher angelegten Großen Friedrichsgraben und die Deime mit dem Pregel und vollendete den seinerzeit wichtigsten und sichersten Schiffsweg zwischen Königsberg und Tilsit.

 

Darum eignet sich Sapowednoje auch sehr gut als Start für ausgedehnte Kanutouren in das Moosbruch. Je nach Lust & Laune kann man von hier aus über Marienbruch bis Gilge paddeln - oder auf den kleinen verschlungenen Nebenflüsschen wie Tawelle, Wiepe oder Laukne so tief in die Moorwildnis eindringen, wie es auf keinem Landweg mehr möglich ist. Vor einer Überschätzung der eigenen Kondition sei allerdings deutlich gewarnt: Es gibt unterwegs über viele Kilometer weder Möglichkeit des Anlandens noch Versorgungsmöglichkeiten mit Lebensmitteln und Trinkwasser!

Gilge (Matrosowo)

Das größte Dorf der Niederung am Haff schmiegt sich an beide Ufer des gemächlich dahinfließenden Gilgestroms, heute Matrosowka genannt. Zwar ist die Kirche verschwunden, doch die alten, zum Teil an litauische Bautradition erinnernden Holz- und Backsteinhäuser der Gilger Fischer stehen fast unverändert an den Ufern des Flusses, manches Haus umgibt ein Geflecht aus verwitterten Netzen und üppigwilde Blumenpracht. Leider beginnen die vielen "Modernisierungen" und Umbauten zu Wochenendhäusern mit übermannshohen blickdickten Metallzäunen den Charakter des Dorfes sehr zu verändern.

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Als Kulturlandschaft ist die „Elchniederung“ Geschichte. Mit dem Bevölkerungsaustausch nach dem Krieg rissen nicht nur Bräuche und Traditionen, sondern auch der „Wissenstransfer“ ab. Entsprechend gründlich scheiterten die sowjetischen Agrarstrategen. Ihre tonnenschweren Traktoren zerwalzten die Drainagen, niemand scherte sich um Gräben und Schöpfwerke, das in Generationen ausgeklügelte Entwässerungsystem brach zusammen. Seither hat der Mensch den Rückzug angetreten. Sussemilken, Franzrode, Karlsrode, Tunnischken und wie die Moorkolonien alle hießen: verschwunden. Viele der alten Nehrungsdörfer auch. Das Land sinkt unaufhaltsam in seinen Urzustand zurück, die Moore wachsen wieder.

 

Da wundert es nicht, dass auch jenes Tier, das der Niederung seinen Namen gab, sich hier bis heute sehr zu Hause fühlt: Etwa 300 Elche leben derzeit in den Bruchwäldern zwischen Memel und Haff, Tendenz steigend. Nachdem der urige Sumpfhirsch in den 1990er Jahren durch hemmungslose Jagd und Wilderei fast ausgerottet war, erholt sich sein Bestand in den kaum noch zugänglichen Wildnis heute wieder. Im gesamten Gebiet Kaliningrad leben übrigens nach aktuellen Schätzungen etwa 1500 Elche.

 

 

 

Das Große Moosbruch galt mit seiner Fläche von 125 Quadratkilometer einst als größtes geschlossenes Hochmoor Deutschlands. In seiner unzugänglichen Kernzone misst das heute bolschoje mochowoje boloto genannte Moor noch immer rund 40 Quadratkilometer und wölbt sich uhrglasartig fast acht Meter über dem Meeresspiegel auf – eine eigentümliche amphibische Wildnis aus meterdicken Moospolstern und schwimmenden Wiesen, Lebensraum für seltene Pflanzen vom Sonnentau bis zu verschiedenen Orchideen, Brutheimat für Schrei- und Schelladler, Birkhühner, Schwarzstörche und andere im Westen Europas längst ausgestorbene Arten.  

 

Die Versuche, dieses schwimmende Land zu kultivieren, reichen bis in das Mittelalter zurück. Doch lange schlugen sie fehl, aus der Ordenszeit sind nur Urkunden überliefert, die Fischereirechte für die Flüsse der Niederung regeln. Die älteste Siedlung (Alt Heidlauken) in der Elchniederung wurde erst 1756 gegründet. In den Moorkolonien lebten von Anfang an viele Litauer, die oft ihre heidnischen Bräuche mitbrachten. Nach und nach entstanden auf erhöhten diluvialen „Inseln“ Dörfer wie Lauknen und Groß Friedrichsdorf. Das Leben in der entlegenen, schwer erreichbaren, in harten Wintern oder bei Hochwasser wochenlang von Außenwelt abgeschnittenen Elchniederung war hart und rückständig, und besonders in den Moorkolonien war man den Unbilden der Natur, vor allem dem gefürchteten Überflutungen im Herbst und Frühling, schutzlos ausgeliefert.

 

Erst allmählich gelang in mühsamer Arbeit die Kultivierung dieser Landschaft, Gräben, Schöpfwerke und Vorfluter ließen Landwirtschaft zu. Die Niederunger lebten vor allem vom Kartoffel- und Gemüseanbau. Die Kartoffel, wegen ihrer leicht bläulich schimmernden, glatten und fast apfelartigen Schale "Moosbruch-Blanke" genannt, waren auf Ostpreußens Märkten sehr begehrt - zumal sie im dunklen, warmen Moorboden früh reifte. In den 1920er Jahren avancierte die "blaue Kartoffel aus dem Moosbruch" gar zur Spezialität in feinen Königsberger und selbst Berliner Restaurants.

In den 1930er Jahren nahm die Entwässerung der Moore Dimensionen an, die die unikale Flora und Fauna zu bedrohen begannen. Vor allem die großangelegten Lager des Reichsarbeitsdienstes und zu Meliorationsarbeiten im Moor bei Lauken (heute Gromowo) zusammengepferchte Gefangene und später sogar KZ-Häftlinge legten große Areale des Moosbruchs trocken.

Die rechte Spalte

Mal sehen, wie der Text in der rechten Spalte so läuft, wichtig sind mir hierbei harmonische Abstände und ein gut lesbarer Textfluss.

Alt Lappienen (Bolschije Bereschki)

Das kleine Dorf am Gilgestrom war vor allem wegen seiner Kirche bekannt: Das achteckige, 1703 (nach fast 30 Jahren Bauzeit) geweihte Gotteshaus ist ein Werk des Architekten Philipp von Chiezé, der auch das Potsdamer Stadtschloss entwarf. Seine Ehefrau Luise von Chiezé, geb. Rauter, war in der Elchniederung aufgewachsen und bemühte sich sehr um die Kultivierung der Landschaft. Einige der ersten großen Entwässerungsprojekte und die Kanalisierung von Teilen der Gilge zwischen 1670 und 75 wurden von ihr initiiert.

Alt Lappienen hieß daher von 1936 - 46 Rauterskirch, und das Vorwerk Neu Lappienen auf der anderen Seite der Gilge wurde seinerzeit im Rahmen der nationalistisch motivierten „Germanisierung“ ostpreußischer Ortsnamen in Rautersdorf umbenannt. Heute heißt es Malyje Bereschki, ist aber nur über einen 30 km weiten Umweg zu erreichen: Die Brücke über die Gilge existiert nicht mehr.

Auch von der berühmten Kirche blieb nur eine Ruine übrig, doch vor einigen Jahren wurde sie auf Initiative ehemaliger deutscher Einwohner schrittweise von Müll und Wildwuchs beräumt und ist seither wieder würdiger Ort - ein Schicksal, das auch den anderen Kirchenruinen Ostpreußens zu wünschen wäre.

 

Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, zeigt auch die kleine Grabplatte an der Kirchenwand mit der deutschen Aufschrift „Ich bin zu Hause. Danke dafür!“: Hier liegt der 2004 in Sachsen verstorbene Willi Zehrt begraben. Er stammt aus der Elchniederung, und sein sehnlichter Wunsch war es, in der ostpreußischen Heimat bestattet zu werden. Der Wunsch ging in Erfüllung.

 

Heute ist kaum noch zu ahnen, dass Alt Lappienen einmal zu den blühenden Ortschaften der Niederung gehörte, zentraler Marktflecken für Dutzende Höfe und Dörfchen der Umgebung, sogar ein Hotel gab es hier, am Gilgeufer machten die Ausflugsdampfer aus Tilsit fest. Alles Geschichte. Nur wenige Holzhäuser überstanden mehr schlecht als recht die Zeiten abgestumpfter Sowjetagonie und all die großen und kleinen Niedergänge, Turbulenzen und Krisen der Jahren danach.

Mitten im Dorf steht wie aus der Zeit gefallen noch eine mit Silberfarbe bepinselte Büste jenes Mannes, nach dem das Gebiet seit 1946 benannt ist: Michail Kalinin.

 

Was aus Dörfern wie B. Bereschki werden soll, welche Perspektive sie haben, fragt sich jeder Besucher unwillkürlich. Immerhin sind an einigen Häusern Sanierungsarbeiten erkennbar.

 

Das malerisch inmitten der Niedermoorwiesen gelegene, in üppiges Grün von Weiden und Erlen regelrecht eingewachsene Dorf ist ein guter Ausgangspunkt für stillle Wanderungen. Ausgeschilderte Wege gibt’s nicht, doch verlaufen kann man sich in der tellerflachen Landschaft kaum. Auf dem Deich kann man entlang der Gilge bis nach Seckenburg und weiter in den Elchwald "Tawellenbruch" wandern.

Nach Bolschije Bereschki kommt man über eine kurze Allee von der Straße Timirjasewo-Sapowednoje aus.

Die Urlandschaft

„Elchniederung“ nannte man einst die von tiefen Moorwäldern und Erlenbrüchen, Flüssen, Kanälen und sumpfigen Wiesen geprägte Landschaft am Ostufer des Kurischen Haffs. Die sprichwörtliche Weite scheint hier, zwischen dem Delta der Memel und den Niedermooren längs der Haffküste, noch schwereloser, der Himmel noch höher als irgendwo sonst im alten Ostpreußen.

 

Die Elchniederung war viele Jahrhunderte eine archaische, von Mythen umrankte, schwer zugängliche Landschaft mit Moorkolonien, deren Bewohner vor allem auf dem Wasserweg verkehrten: Straßen führten durch die Moorwälder nur wenige. Der erste befestigte Weg entstand überhaupt erst im Jahr 1867 - der zum Teil kopfsteingepflasterte Damm nach Lauknen. Vor allem in den urwüchsigsten Teilen der Niederung, den „Elchwäldern“ Ibenhorst und Tawellenbruch und im „Großen Moosbruch“, lebten kaum Menschen.